Das Geheimnis des Altwerdens
- pelkavital
- 3. Feb.
- 5 Min. Lesezeit

Wenn es ein Thema gibt um die sich viele Mythen ranken, ist es das Altwerden. Die meisten Menschen wollen es, sie wollen so lang wie möglich ein Teil dieser Welt sein. Aber niemand weiß wann der Tag kommt, an dem er nicht mehr unter der strahlenden Sonne erwacht.
Das klingt alles sehr poetisch, aber natürlich habe auch ich mir, als Mediziner oft die Frage gestellt:
"Was ist das Geheimnis des Altwerdens?"
Wenn ich meinen Berufsschülern diese Frage stelle, erhalte ich seit Jahren immer die selben Antworten: Work-Life Balance, gesunde Ernährung Sport uns so weiter. Also die typischen Klassiker, welche uns Tag für Tag in den sozialen Medien propagiert werden. Aber ist das wirklich der Schlüssel?
In diesem Artikel betrachten wir das Altwerden anhand zweier Beispiele und analysieren diese auf verschiedenste Faktoren, um herauszufinden, ob es eine Möglichkeit gibt unser Leben so zu leben, dass wir sehr alt werden können.
Machen wir es uns mal ganz einfach und schauen uns die beiden Personen an, welche bisher (nachweislich) am ältesten geworden sind. Jeanne Calment (122 Jahre, 164 Tage) und Kane Tanaka (119 Jahre, 107 Tage)
Was haben diese Frauen gemacht um so alt zu werden? Was war ihr Geheimnis?
Auf jeden Fall ist ein Fakt schonmal sehr offensichtlich: unter den ersten 10 ältesten Menschen ist kein Mann dabei.
Lebensgeschichten
Jeanne Calment wurde am 1875 in Südfrankreich geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden Schiffsbauerfamilie. Interessant an der Familiengeschichte ist, dass ihre nahen Verwandten auch ein hohes Alter erreichten (Vater 92, Mutter 86 und der Bruder 97 Jahre).
Durch die Hochzeit mit Ihrem Cousin 2. Grades, welcher ein Ladenbesitzer war hatte sie ein sehr komfortables Leben. Calment hatte Zeit für mehrere Hobbies, wie Tennis, Radfahren, Schwimmen, Klavierspielen und kulturelle Aktivitäten.
Mich beeindruckt in Ihrer Lebensgeschichte, dass sie noch mit 100 Jahren Fahrrad fuhr und sich selbst bis circa 110 Jahren selbst versorgte.
Sie erlebte in Ihrer Lebenszeit den Bau des Eiffelturms, die Erfindung des Automobils, 2 Weltkriege (in denen Frankreich stark im Fokus war und die Erfindung von Penicillin)
Kane Tanaka wurde 1903 in Japan geboren. Sie wuchs mit ihren 8 Geschwistern in Fukouka auf. Mit 19 Jahren heiratete Kane einen Reisverkäufer und betrieb mit ihm einen Reisladen und einen Nudelshop.
Anders als bei Jeanne Calment waren die Hobbies von Tanaka nicht so bewegungsaktiv. Sie liebte Mathematik, Kalligraphie, aß gern Schokolade und mochte Softdrinks. Aber sie ging täglich viel spazieren.
Im Alter von 100 Jahren überstand sie noch mehrere Operationen und blieb danach weiterhin fit.
Tanaka erlebte in ihrer Lebenszeit die Bombardierung Japans durch Amerika, Japans Aufstieg zur High- Tech Generation und die Demokratisierung Japans.
Was haben diese Frauen nun so besonderes an sich?
Natürlich kann man alles auf die Genetik schieben, welche bei Jeanne Calment auf jeden Fall einen positiven Einfluss hatte. Ihre Eltern wurden beide sehr alt.
Aber ich denke, beide hatten auch andere Gemeinsamkeiten, welche zusammen einen großen Einfluss auf das Alter haben.
In sportlicher Hinsicht, bewegten sich beide hauptsächlich einer unterschwelligen Belastung. Wobei Calment noch ein paar Sportarten als Hobby betrieb, ging Tanaka gern spazieren. Beide hatten nachweislich eine hohe tägliche Bewegungsfrequenz mit niedriger Belastung.
Also gab es keine hohen Peak- Belastungen für ihre Kreislaufsysteme. Es scheint eine Theorie auf das Altwerden zuzutreffen: „Low Load- High Frequency - Lifelong“.
Der Vorteil dieser Lebensweise sind die fehlenden Entzündungsprozesse, welche bei Übertraining entstehen. Der Körper ist nicht ständig in einer Entzündung und muss nicht ständig regenerieren. Gut vergleichbar ist dies mit einem Zone 2 Ausdauertraining. Dies wirkt kapillarisierend aber nicht entzündend.
Wenige Entzündungsreize wirken sich gut auf unsre Herz- Kreislauf- Systeme aus.
Wenn man den kognitiven Zustand beider Frauen betrachtet fällt auf, dass sie bis ins hohe Alter geistig wach und fit waren. Durch lebenslanges geistiges Training, vor allem durch Rechnen, Kalligrafie und Humor hatten Sie das Glück ihr langes Leben klar und wach zu genießen.
Scheinbar spielt die geistige Verfassung im Prozess des Altwerdens eine wesentliche Rolle.
Oder ein gesundes Gedächtnis ist ein Symptom des Altwerdens, da das Gehirn vielleicht ausgelegt ist länger seine Funktionen aufrecht zu erhalten.
Dies sind alles Spekulationen, aber scheinbar kann man durch geistiges Training seine Lebensspanne „trainieren“ oder erweitern.
Schauen wir als nächstes auf das derzeitig größte Gesellschaftsthema- Die Ernährung.
Calment ernährte sich hauptsächlich mediterran und Tanaka typisch japanisch (mit Reis, Fisch und Gemüse).
Beide haben in ihren jungen Jahren Hungerzeiten durchmachen müssen und gegessen was es gab (vor Allem in Kriegszeiten). Sie stammten noch aus einer Generation, welche selbst und frisch gekocht haben. Es gab kein Übermaß und vor allem in der Woche leichte Kost.
Fertignahrung war in der ersten Lebenshälfte beider Frauen ein Fremdwort.
Aber es gab eine gewisse Regelmäßigkeit der Mahlzeiten und hauptsächlich regionale Kost.
Da man sagt, "der Darm sei der Sitz der Gesundheit", kann man durchaus davon ausgehen, dass die hauptsächlich Nicht- industrielle Kost ebenfalls ein großer Faktor war, warum beide Frauen so alt wurden.
Ein ganz interessanter Punkt ist die Entwicklung der Medizin in der Lebenszeit der Beiden.
Penicillin, der Vorreiter unserer heutigen Medikamente, wurde erst 1928 erfunden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Medizin eher präventiv und Krankheiten wurden oft durch die eigenen körperlichen Abwehrkräfte besiegt. Vor allem in den jungen Jahren der Beiden konnten die Organismen Abwehrzellen aufbauen um ein eigenes starkes Immunsystem aufzubauen.
Sie waren in den Kriegsjahren auch oft allen möglichen Bakterien und Keimen ausgesetzt, wobei sich das Immunsystem gegen die viele Erreger stärken konnte.
Ein großer Unterschied zur heutigen Zeit war auch, dass es keine aggressive medikamentöse Dauertherapie in den mittleren Lebensjahren gab.
Heutzutage wird alles auf Standardwerte eingestellt, Blutdruck, Schilddüsenwerte, Cholesterin und so weiter. Dies steigert zwar die Health Span, die positive Gesundheitsspanne in der Lebenszeit, aber scheinbar nicht die Lebenszeit an sich. Die Körper beider Frauen mussten lernen sich selber zu regulieren.
Was sagen uns jetzt diese Punkte über das Altwerden?
Zusammenfassend kann man sagen, dass scheinbar eine gute Genetik, eine aktive- aber nicht übermäßig sportliche Lebensweise, eine gute Hirnfähigkeit, frische- nicht industriell verarbeitete Nahrung und ein gesunder Umgang mit Medikamenten einen Einfluss darauf haben wie alt man wird.
So könnte eine Theorie sein.
Wir sind in der Gesellschaft schon auf einem guten Weg, diese Sachen umzusetzen. Vor allem die allgemein vorherrschende Meinung über unsere Ernährung zeigt, dass ein Denken in diese Richtung stattfindet. Die meisten Menschen kommen weg von Fertiggerichten und kochen wieder selber. Omas altes Rezeptbuch findet wieder mehr Anklang in der heutigen Gesellschaft.
Auch in vielen alternativmedizinischen Kreisen findet ein Umdenken über die Dauertherapien mit Medikamenten statt. Dies kann vielleicht dem ein oder anderen Menschen dazu helfen ein paar Jahre länger zu leben. Natürlich sollte bei ernsten Erkrankungen die Hilfe der Medizin, besonders der modernen Schulmedizin angenommen werden. Aber meiner Meinung nach nicht bei allen Erkrankungen und besonders nicht als Prophylaxe.
Welchen Punkt ich sehr in dieser Gedankenreise gut heiße, ist die unterschwelligen Belastung. Dies zeigt uns doch, dass der dauerhafte Schweiß und das Geld, welches wir in Fitnessstudios stecken auch mit einer dosierten Belastung an der frischen Luft bei einem schönen Spaziergang kompensiert werden kann.
Wieviele Patienten, welche regelmäßig übermäßig sporteln -also über der metabolischen Schwelle- kommen mit dauerhaften Schmerzen und Beschwerden zu mir in die Praxis und nehmen zusätzlich jede Grippewelle mit.
Dies ist eine Problem welches ich selbst beobachte, ohne valide Daten dafür zu haben, muss ich natürlich ehrlicherweise zugeben. Aber die Infektanfälligkeit nach belastenden Sporteinheiten steigt sehr hoch und die Zeit für eine ausreichende Regeneration gibt unser System meist nicht her.
Daher ist es für Menschen, welche keine sportlichen Erfolge feiern wollen, sondern sich gesund belasten wollen um gesund alt zu werden sinnvoller, sich kontinuierlich viel unterschwellig zu belasten.
Leichte Läufe, Spaziergänge und keine Übermäßigen Gewichte im Krafttraining sind da eine gute Alternative.
Vielleicht sind das ein paar Gedanken von mir, welche in die richtige Richtung gehen um die Anfangsfrage zu beantworten, vielleicht aber auch nicht.
Euer Marcus
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